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Software Liability

EU Product Liability Directive 2027 – Warum Software für Geschäftsführer zum Haftungsrisiko wird

Neue EU-Haftungsregeln für Software, KI und digitale Produkte verändern die Verantwortung von Unternehmen grundlegend

Cem Dinc 14. März 2026 4 min

Eine stille Revolution im europäischen Haftungsrecht

Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit intensiv mit Themen wie künstlicher Intelligenz, Softwarearchitektur oder neuen digitalen Geschäftsmodellen.

Wesentlich weniger Aufmerksamkeit bekommt jedoch eine Veränderung, die für viele Unternehmen deutlich größere Auswirkungen haben kann: die neue EU Product Liability Directive (EU PLD).

Die überarbeitete Produkthaftungsrichtlinie wird ab Anfang 2027 in allen EU-Mitgliedsstaaten gelten und verändert ein zentrales Prinzip der bisherigen Haftungslogik.

Software wird künftig eindeutig als Produkt betrachtet.

Das hat weitreichende Konsequenzen für Hersteller, Softwareunternehmen und Geschäftsführer.

Software wird erstmals klar als Produkt definiert

Die ursprüngliche Produkthaftungsrichtlinie stammt aus dem Jahr 1985 – aus einer Zeit, in der Software kaum eine Rolle spielte.

Heute sieht die Realität völlig anders aus. Moderne Produkte bestehen häufig zu großen Teilen aus Software.

Mit der neuen EU PLD wird daher erstmals eindeutig festgelegt, dass auch folgende Komponenten unter die Produkthaftung fallen können:

  • Embedded Software
  • Cloud-basierte Softwaredienste
  • KI-Systeme
  • Software-Updates
  • digitale Funktionen innerhalb von Produkten

Damit wird klar: Fehler in Software können künftig genauso haftungsrelevant sein wie klassische Produktmängel.

Haftungsfälle werden für Geschädigte deutlich einfacher

Eine der wichtigsten Änderungen betrifft die Beweisführung.

Die neue Richtlinie erleichtert es Geschädigten erheblich, Haftungsansprüche durchzusetzen.

Dazu gehören unter anderem:

  • vereinfachte Beweislastregeln
  • verbesserter Zugang zu technischen Informationen
  • stärkere Berücksichtigung komplexer digitaler Systeme

Gerade bei komplexen Softwareprodukten kann dies für Unternehmen eine völlig neue Risikolage bedeuten.

Softwarefehler können künftig schneller zu Haftungsfällen werden

Ein klassisches Argument vieler Unternehmen lautet bisher:

„Software ist kompliziert – Fehler lassen sich nie vollständig ausschließen.“

Genau diese Argumentation wird künftig deutlich schwieriger.

Die neue EU PLD bewertet stärker, ob ein Produkt den berechtigten Sicherheitserwartungen der Nutzer entspricht.

Wenn Softwarefehler zu Schäden führen, kann das künftig schneller zu Haftungsfällen führen.

Besonders relevant wird das für Branchen wie:

  • Automotive
  • Medizintechnik
  • Industrieautomation
  • Smart Home und IoT

Geschäftsführer tragen eine neue Verantwortung

Für Geschäftsführer und Unternehmensleitungen entsteht damit eine neue Dimension der Verantwortung.

Während Softwareentwicklung bisher oft als technisches Thema betrachtet wurde, wird sie künftig stärker zu einem unternehmerischen Risiko- und Haftungsthema.

Unternehmen müssen sich daher mit Fragen beschäftigen wie:

  • Wie robust sind unsere Entwicklungsprozesse?
  • Wie wird Softwarequalität nachgewiesen?
  • Wie werden Sicherheitsrisiken bewertet?
  • Wie werden Softwareupdates kontrolliert?
  • Wie wird die Nachvollziehbarkeit von Entwicklungsentscheidungen dokumentiert?

Diese Fragen betreffen nicht nur Entwickler – sondern unmittelbar die Unternehmensführung.

Warum technische Expertise immer wichtiger wird

Mit der neuen EU PLD steigt auch die Bedeutung technischer Analysen in Haftungsfällen.

Wenn es zu Streitfällen kommt, müssen häufig komplexe technische Fragen beantwortet werden:

  • War ein Softwarefehler ursächlich für den Schaden?
  • Wurden Entwicklungsprozesse ausreichend eingehalten?
  • Gab es erkennbare Risiken im Design?
  • Wurden bekannte Fehler angemessen behandelt?

Genau an dieser Stelle kommen häufig technische Sachverständige ins Spiel.

Sie analysieren Software, Entwicklungsprozesse und technische Systeme, um die Ursache von Schäden nachvollziehbar zu bewerten.

Unternehmen sollten sich frühzeitig vorbereiten

Auch wenn die neue Richtlinie erst ab 2027 vollständig greift, sollten Unternehmen das Thema nicht unterschätzen.

Die Einführung neuer Haftungsregeln führt häufig zu einer Veränderung der rechtlichen Bewertungspraxis.

Unternehmen, die sich frühzeitig mit diesen Entwicklungen beschäftigen, können Risiken deutlich besser kontrollieren.

Dazu gehören insbesondere:

  • Überprüfung bestehender Entwicklungsprozesse
  • Bewertung von Software-Qualitätsstrategien
  • Analyse möglicher Haftungsrisiken
  • Aufbau technischer Dokumentation

Fazit

Mit der neuen EU Product Liability Directive beginnt eine neue Phase der Produkthaftung.

Software wird künftig eindeutig als Produkt betrachtet – mit allen daraus resultierenden Haftungsfolgen.

Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines:

Softwarequalität wird zunehmend zu einem strategischen Risiko- und Managementthema.


Hinweis:
Für Geschäftsführer und technische Entscheider biete ich eine kompakte 30-minütige Management-Einführung zur neuen EU Product Liability Directive und den Auswirkungen auf Software- und Produktentwicklung an.

In dieser kurzen Sitzung werden die wichtigsten Änderungen, Risiken und praktischen Handlungsfelder verständlich erläutert.